Der Chorleiter
Erste musikalische Erfahrungen sammelte Ulrich Diehl als Trompeter im Posaunenchor der St. Johannes-Gemeinde in Limburg. Mit 11 Jahren begann er Klavierunterricht an der Musikschule Hünstetten zu nehmen. Da der Chorgesang in seiner Familie ausgiebig praktiziert wurde und wird, trat er im Alter von 16 Jahren in den Gesangverein 1875 Beuerbach e.V. ein. 1990 wurde der „Kleine Chor Beuerbach“ ins Leben gerufen, dessen Leitung er damals ehrenamtlich übernahm. Als Student der Wiesbadener Musikakademie mit dem Hauptfach Trompete war er Mitglied des Jazzchores und entwickelte dort seine Vorliebe für A-cappella-Gesang und Vokal-Jazz.
1997 hat er die A-Prüfung des Chorleiterlehrgangs in Frankfurt/M. bestanden.
Viele Fortbildungen und private Studien im Bereich Jazzchor und Gesang, u.a. bei Matthias Becker, den New York Voices, Art La Pierre, Cadence, Dylan Bell, Nanni Byl und Dunja Koppenhöfer schlossen sich an, klassische Impulse bekam er von Katharina Wollitz und Charlae Olaker.
Seit 1990 leitet er nebenberuflich und seit 2006 hauptberuflich Chöre, der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt dabei im Bereich Pop und Jazz.
Mit dem Chor „Die Coolen“ aus Bad Camberg konnte er mehrfach erste Preise bei Chorwettbewerben in der Kategorie Jazz- und Pop gewinnen.
30 Jahre Tonikum – und warum ich noch nicht genug habe
Als mein Chor „Tonikum“ fragte, ob ich aus meiner Sicht als Chorleiter beschreiben kann, warum ich seit nunmehr 30 Jahren jede Woche die lange Strecke nach Groß-Gerau für 90 Minuten Chorprobe auf mich nehme, musste ich länger darüber nachdenken.
Deshalb habe ich einfach um konkrete Fragen gebeten, die ich gerne beantworte.
Welche Verbindung bzw. welcher Umstand führte dich nach GG, um dort einen Chor zu übernehmen?
Meine Vorgängerin stammt aus Bad Camberg und unterrichtete damals an der Musikschule Groß-Gerau. Sie war auch Sängerin in einem Jazzchor, den ich zu der Zeit geleitet habe. Sie suchte eine Nachfolge für sich für den Chor und hat mich gefragt.
Wie hat sich der Chor seit seiner Entstehung entwickelt und welche Ziele würdest Du gern mit dem Chor noch erreichen?
Am Anfang war es noch kein Chor, sondern ein Singkreis, der ein paar Lieder zur Gitarre gesungen hat. Mittlerweile kann sich das Repertoire durchaus hören lassen, ich arbeite aber ständig daran, dass wir uns weiter verbessern. Eine lange Zeit war auch die Angst vor Auftritten ein großes Thema, ich spreche nicht von normalem Lampenfieber, das ging schon darüber hinaus. Das hat uns bei einigen Gelegenheiten gehemmt, ist aber glücklicherweise viel besser geworden. Ich wünsche mir, dass wir auf diesem Weg noch ein Stück vorankommen und lernen, die Auftritts-Situation noch mehr zu genießen.
Gab es Einschnitte oder gravierende Richtungsänderungen in der Geschichte des Chors und wenn ja, wie warst Du davon betroffen?
In 30 Jahren gab es natürlich viele Umbrüche, zu Beginn war noch viel Fluktuation, auch die Ansprüche der SängerInnen an den Chor waren sehr unterschiedlich. In dieser Zeit habe ich versucht, es vielen recht zu machen, das hat erwartungsgemäß nicht gut funktioniert. Zwischendurch haben wir nur 14-tägig geprobt, weil das Geld fürs Honorar knapp war, das hat sich glücklicherweise wieder geändert. Erst als sich nach ca. 10 Jahren ein Stamm herauskristallisiert hat, kam der Chor ein bisschen zur Ruhe und wir konnten uns weiterentwickeln. Corona war dann der nächste Einschnitt, eine Krisensituation, die wir dank unseres guten Zusammenhalts aber meistern konnten. Danach sind wir gegen den Trend gewachsen und konnten uns sogar etwas verjüngen!
Gibt es Gag-Evergreens, die du mit den Lesenden teilen magst und die immer wieder die Stimmung heben?
Da gibt es einige:
Platz 1 ist aber für mich unangefochten eine Anekdote aus dem Jahr 2009:
Wir haben den Anfang eines Stückes sehr oft wiederholt, ich habe immer wieder nach spätestens zwei Takten abgebrochen und Kritik geübt. Irgendwann sagte ich dann mal vor dem Einsatz: „ So, jetzt mal von vorne, mal sehen, wie weit wir kommen." Daraufhin ein Bass: „Lohnt es sich einzuatmen?“
Auch sehr schön, die Ausrede einer Sängerin, warum eine Stelle trotz mehrfacher Wiederholung nicht klappen wollte: „Der Ton ist auf meinen Stimmbändern nicht angelegt!“
Und natürlich: „Geatmet wird zuhause!“
Welches Geschenk vom Chor hast du in besonderer Erinnerung und wieso?
Ein selbst zusammengestelltes Kochbuch, alle haben Ihre Lieblingsrezepte notiert. Es ist sehr persönlich und zeigt das Engagement der SängerInnen.
Was macht unseren Chor besonders?
Ganz einfach: die Menschen. Es klingt trivial, aber ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten. Wenn ich also nach 30 Jahren noch nicht genug von meinem Chor Tonikum habe, dann liegt es auch daran, dass die Chemie einfach stimmt. Im Laufe der Zeit sind auch einige schöne Traditionen entstanden. Nach einem Chorwochenende gibt es immer eine Sammlung der besten Sprüche, die während der Proben gefallen sind. Oder die Geschenke, die ich vom Chor bekomme, die ich mir aber meist hart erarbeiten muss. So sollte ich einmal die SängerInnen nur an Ihrer Mundpartie erkennen. Ein anderes Mal waren es Kinderbilder der SängerInnen, die ich zuordnen sollte, was mich ganz schön ins Schwitzen gebracht hat.
Was würdest Du dem damals 25-jährigen Chorleiter, mit den Erfahrungen von heute, mit auf den Weg geben?
Für eine gelungene Probe sind Geduld und Gelassenheit mindestens so wichtig, wie die fachliche Expertise. Zwischendurch muss man immer wieder die Grenzen des Chores und auch die eigenen Grenzen sehen und akzeptieren. Früher wollte ich während eines Konzerts möglichst wenig Fehler machen, heute ist für mich das perfekte Konzert eines, bei dem die Menschen auf der Bühne und im Publikum durch den Gesang berührt wurden.
Interview mit dem Chorleiter
Unser Chorleiter erklärt, warum er auch nach 30 Jahren jede Woche noch gerne zu uns kommt.
30 Jahre Tonikum
Ein Rückblick auf 30 Jahre "Tonikum".